Die T-Position im Leben – oder was Achtsamkeit mit Squash zu tun hat

Stellen Sie sich die Situation vor: Zu Beginn eines wichtigen Meetings nehmen sich die Teilnehmer einen kleinen Augenblick Zeit. Sie atmen einmal tief durch und lösen sich innerlich von allen Themen, die nicht das Meeting betreffen. Sie gönnen sich einen Moment der Ruhe und Besinnung, um Kraft zu schöpfen und sich ganz darauf zu fokussieren, was ihr Anliegen an dieses Zusammentreffen ist.

Wer achtsam ist, ist effizienter

Wem dies wie esoterischer Schnickschnack oder gar Zeitverschwendung vorkommt, dem sei gesagt: Auf diese Weise begonnene Meetings verlaufen effektiver und werden als wesentlich befriedigender erlebt. Das zeigt die Erfahrung vieler Teams. Denn wer sich auf das aktuell Wichtige konzentriert, ist dadurch entspannter und kraftvoller zugleich.

Ich begleite alle meine Seminare mit solchen „Mikroritualen“. Damit möchte ich Bewusstsein dafür wecken, wie unterschiedlich wir zuhören, aufnehmen und wahrnehmen, wenn wir bereit sind, uns so weit wie möglich auf den gegenwärtigen Moment einzulassen. Die Atmosphäre wird konzentriert und intensiv und kann dabei dennoch heiter und leicht sein.

Die T-Position im Leben finden

Squashspielern ist die sogenannte „T-Position“ oder auch „Drehscheiben-Position“ vertraut – eine Position im Spielfeld, von der aus der Spieler die Bälle mit dem geringstmöglichen Aufwand erreichen und parieren kann. Diesen Punkt möglichst oft einzunehmen ist entscheidend für das Spiel. Von dieser Position aus kann der Spieler seine Bälle gelassen und gezielt platzieren und so das Spiel beherrschen.

Letztlich ist Achtsamkeit ein Weg, im Leben möglichst oft auf dieser Position zu stehen. Eine Position der Zentrierung, der Ruhe, des Überblicks – auch wenn einem die Bälle noch so um die Ohren pfeifen. Und eine Position, die höchste Konzentration verlangt, weil man sie so leicht wieder verliert.

Die „Achtsamkeitspraxis“ hat Jon Kabat Zinn (ein amerikanischer Professor der Psychologie) in der westlichen Welt etabliert und dafür Methoden der fernöstlichen Meditationspraxis in seinen MBSR (Mindful Based Stress Reduction) Trainings adaptiert. In breit angelegten Studien zur Wirkung von MBSR konnten neben positiven psychischen Effekten auch signifikante Verbesserungen bei verschiedenen körperlichen Erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck nachgewiesen werden. Selbst im Gehirn zeigt sich eine Zunahme der Nervenzelldichte in zentralen Bereichen, die der Informationsverarbeitung dienen (Hippocampus).

Jon Kabat Zinn bezeichnet Achtsamkeit als eine „bestimmte Art der Aufmerksamkeit: bewusst, gegenwärtig und ohne zu werten“. Sie hilft, mit allen Sinnen kraftvoll im gegenwärtigen Moment präsent zu sein und aus dieser Position heraus gelassen und effektiv handlungsfähig zu bleiben.

Arbeitsverdichtung, Globalisierung, Informationsflut und die Notwendigkeit der flexiblen und agilen Anpassung an eine sich rasant verändernden Umwelt sind die aktuellen Themen unserer Arbeitswelt. Und die Welt wird ganz bestimmt nicht langsamer werden!
Ob wir uns als Getriebene erleben, oder diesen Anforderungen aus einer Haltung des Überblicks heraus begegnen können, macht einen grundlegenden Unterschied. Sie werden dadurch nicht weniger, aber wirken weniger belastend.

Neben Entschleunigung, Fokussierung und Loslassen bezeichnet Kabat Zinn den sogenannten „Anfängergeist“ als einen zentralen Faktor der Achtsamkeit. Der Welt immer wieder offen, neugierig und wertfrei zu begegnen ist im „Zeitalter der Agilität“ notwendiger denn je. Diese Haltung wird in Achtsamkeitsschulungen trainiert, wenn beispielsweise eine Rosine mit allen Sinnen „erforscht“ wird, als hätte man noch nie im Leben eine gegessen. Wer sich darauf einlässt, kann völlig neue Geschmacks- und Geruchserlebnisse erfahren.

Achtsamkeit im beruflichen Alltag

Achtsamkeitstrainings boomen.
Meditation und Yoga werden in vielen Unternehmen angeboten. Und das zu Recht!

Achtsamkeit trainiert die Bereitschaft für neue Erfahrungen und schärft damit den Blick für Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten. Andererseits entwickelt sie die Fähigkeit zur Gelassenheit, um in Ruhe zu analysieren, ob wir noch unseren Werten entsprechend arbeiten können. Denn wenn wir auch nicht immer die Entwicklung eines Unternehmens beeinflussen können, so können wir doch zu jeder Zeit unser Leben und unsere Haltung zu den Dingen gestalten.

Und eine gute Nachricht zum Schluss:
Wer schon wenige Minuten der Ruhe und Besinnung in seinen Alltag integriert, kann spürbare Veränderungen erleben. Und achtsam sein intensiviert die Wahrnehmung für das Leben und somit macht das Leben auch einfach mehr Spaß!